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“Mission” – Cecilia Bartoli singt Barockarien von Agostino Steffani (1654-1728)

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Eine Küchenweisheit besagt, daß Komponisten komponieren können und sonst gar nichts. Stop, stimmt nicht! Einige wie Mozart, Beethoven oder Brahms spielten auch noch ganz gut Klavier, aber das bestätigt nur die Regel, denn beides hat was mit Musik zu tun. Aber wie die meisten Küchenweisheiten stimmt auch diese nicht. So war der russische Komponist Alexander Borodin im Hauptberuf Chemiker, der amerikanische Symphoniker Charles Ives Versicherungsmakler und der italienische Opernkomponist Agostino Steffani auch noch Geistlicher, Diplomat und Universitätsrektor. Agostino … wer? Genau: das ist jetzt kein so geläufiger Name, weshalb wir uns zuerst mit ihm befassen müssen, bevor wir über Cecilia Bartoli reden, die diesem Steffani soeben ein Konzept-Album gewidmet hat.

Priester, Diplomat, Komponist: Ein Mann aus Venedig

Stammen tut Steffani aus Castelfranco in der Nähe von Venedig. Da wird er 1654 geboren und gehört damit zur ersten Generation des Barock (Bach und Händel sind die zweite), die große Komponisten wie den fast gleichaltrigen Arcangelo Corelli und Henry Purcell hervorgebracht hat. Schon als Kind singt er im Chor, wo er durch einen schönen Knabensopran und ein gutes Gehör auffällt. Während des venezianischen Karnevals von 1666 hört der bayerische Kurfürst Ferdinand Maria den Zwölfjährigen und nimmt ihn mit nach München. Da lernt Steffani beim Hofkapellmeister Johann Caspar von Kerll drei Jahre lang Harmonie und Kontrapunkt. Zwei Studienjahre beim Kapellmeister von St. Peter in Rom schließen sich an. Dann hat Steffani ausgelernt und kehrt 1674 nach München zurück, wo er als Hof- und Kammerorganist bald so gut verdient, daß er seine ganze Familie nachholen kann.

Karriere als Reise- und Geheimdiplomat

1680 jedoch ändert sich das Leben des jungen Musikers grundlegend. In diesem Jahr wird er nicht nur zum Priester geweiht, sondern beginnt im Auftrag des neuen Kurfürsten Max II. Emmanuel eine Karriere als Reise- und Geheimdiplomat, die ihn 40 Jahre lang quer durch Europa führen wird. Der Dreißigjährige Krieg ist noch kein Menschenalter vorbei, der Friede brüchig, das Reich von religiösen Gegensätzen zerrissen. Hinter den Kulissen müssen dynastische Hochzeiten angebahnt und Konflikte entschärft, Depeschen überbracht und Botschaften ausgerichtet werden. Dafür ist ein intelligenter, diskreter Priester, der vier Sprachen spricht, sich weder um Frau noch Kinder kümmern muß und in Verhandlungspausen am Cembalo improvisieren kann, genau der Richtige. Für drei Kurfürsten arbeitet Steffani: den Bayern, den Hannoveraner und den Pfälzer, lebt in München, Hannover und Brüssel, wird Bischoff und Gesandter, päpstlicher Thronassistent und apostolischer Vikar, ist den Mächtigen Vertrauter, Beichtiger und Ratgeber. Gehetzt, gestreßt und zunehmend verschuldet trägt er sich ein Leben lang mit dem Gedanken, nach Italien zurückzukehren, um da in ländlicher Ruhe zu komponieren, aber daraus wird nichts. Als der 73jährige im Winter 1728 endlich heimreisen will, erliegt er in Frankfurt a. M. einem Schlaganfall.

17 Opern und jede Menge Kammerduette

Man fragt sich, wie ein dermaßen beschäftigter Mensch 17 Opern, einiges an Kammermusik und jede Menge Kammerduette für zwei Stimmen mit Basso Continuo komponieren konnte, aber in Kutschen und Gasthöfen, in Kapellen, Sakristeien und den eiskalten Vorzimmern, von denen noch Mozart berichtet hat – irgendwie muß es gegangen sein. Die meisten seiner Opern schrieb Steffani erst in seiner Münchner Zeit (1681 bis 1688), dann in Hannover (1689 bis 1709) für das neuerrichtete Opernhaus.

Ein komponierender James Bond?

Und diesen Mann nun hat Cecilia Bartoli für uns wiederentdeckt. Quasi im Alleingang. Und ganz nebenbei hat sie auch noch entdeckt, daß Steffani ein Spion, Geheimagent und vielleicht sogar ein Mörder war, gewissermaßen ein komponierender James Bond des Barock. Hier hat offensichtlich eine kreative Marketing-Abteilung Überstunden eingelegt, denn ganz so war es nicht. Weder hat Steffani jemanden ermordet, noch war er jemals wirklich vergessen. Seine Kammerduette waren für die Vokalmusik ebenso stilbildend wie Corellis Triosonaten für die Instrumentalmusik, und das war schon seinen Zeitgenossen wohl bewußt. Auf dem Video zur CD (ja, auch in der Klassik gibt’s inzwischen Musik-Videos) bemerkt Frau Bartoli, daß Steffanis Opern das Bindeglied zwischen Monteverdi und Händel bilden, und das ist vollkommen richtig. Händel hat sich von Steffanis virtuos-pathetischen Arien einiges abgeschaut.

Koloraturen zunehmend gepreßt und schwerfällig

Cecilia Bartoli hat insgesamt 25 Arien und Duette aus zehn Opern aufgenommen. Aber bei aller Brillanz, aller Sangeskunst, der ganze Verve, mit der die Bartoli wie immer singt, hinterläßt die Platte doch einen zwiespältigen Eindruck. Natürlich, da ist noch immer diese ungemein virtuose, biegsame Stimme, die von Alt bis Sopran alle Register beherrscht. Ihr ungeheures Stimmvolumen, ihre Gestaltungsfähigkeit und die schiere Lebensfreude, mit der die Italienerin seit Jahrzehnten begeistert – all das ist auch hier in reichem Maße vorhanden. Aber die Koloraturen klingen nun zunehmend gepreßt und schwerfällig. Die Stimme hört sich bei großen Intervallsprüngen rauh und mitunter unsicher in der Intonation an. Weil die Sängerin die Höhen nicht mehr so mühelos ansprechen kann wie in der Vergangenheit, wird sie nun stetig lauter, damit sie die Spitzentöne noch erreicht. Es ist das Schicksal aller Koloratursängerinnen, daß mit zunehmendem Alter die Stimme an Geschmeidigkeit verliert, aber nicht jede Sängerin geht damit gleich um. Das Negativbeispiel ist Maria Callas, die ihre Jahrhundertstimme in zehn Jahren verbrannte, während ihre Dauerrivalin Renata Tebaldi sich die ihre über 30 Jahre bewahrte. Cecilia Bartoli, die Jürgen Kesting einmal zutreffend als den „Sonderfall einer Hochbegabung“ bezeichnet hat, ist im Moment dabei, ihr stimmliches Material zu verschleißen und dies durch Manierismen zu überspielen. Das beschert ihr nach wie vor die Akklamationen der Amazon-Rezensenten, ein Gewinn für die Kunst ist es nicht.

Bio-Orchester mit Donnerblech und ein Tamburin

Hier hätte ein kluger Dirigent, der Sänger zu führen versteht, Gutes bewirken können, aber Diego Fasolis und I Barocchisti musizieren so wie viele moderne Barock-Orchester: schnell, laut, mit schmetternden Naturtrompeten und schepperndem Schlagwerk. Und damit es auch wirklich so klingt, wie es im Barock angeblich üblich war, haben noch ein Donnerblech und ein Tamburin, die in der Originalpartitur garantiert nicht drinstehen, ihren Weg auf die CD gefunden, die dann im Computer auch noch hörbar auf laut gemixt wurde. Das ist alles ein bißchen schade, denn Steffani ist tatsächlich eine Entdeckung und seine Musik, wenn auch nicht sensationell, so doch sehr hörenswert.

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