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Zum Wagner-Jahr: Tannhäuser in der Biogasanlage

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wagner, musik, bayreuthWas passiert in Bayreuth mit unseren Steuergeldern eigentlich genau?

Der Komponist Richard Wagner wurde 1813 geboren und ist 1883 gestorben. 2013 wird also das Super-Wagner-Jahr schlechthin werden. Um das gebührend zu feiern, hat die Wagner-Stadt Bayreuth schon im letzten Jahr ein kunterbuntes Programm angekündigt, das einen etwas angestrengten Weg zwischen Ernst und Klamauk sucht. Im Juli 2013 werden dann die Bayreuther Festspiele eine Neuinszenierung des Rings des Nibelungen herausbringen, vor der sich manche Leute ja heute schon fürchten. Es tut sich also etwas in der Wagnerstadt, die Frage ist nur – hat der ganze Betrieb noch viel mit Wagner zu tun?

Lohengrin als Sanierungsmanager

Die Frage ist berechtigt, weil z.B. in Wagners Oper Lohengrin der Titelheld eindeutig als „Ritter“ bezeichnet wird. In Hans Neuenfels‘ Bayreuther Neuinszenierung von 2010 jedoch waren die in der Oper zahlreich auftretenden Ritter zu Laborratten mutiert, Grafen und Edle zu Laboranten, während Lohengrin selbst als Sanierungsmanager auftrat, der den verschlampten Rattenkonzern auf Vordermann bringen sollte. Der Schwan war selbstverständlich schwarz und hatte viel Ähnlichkeit mit Hansruedi Gigers Alien aus dem gleichnamigen Horrorfilm.

Fünf Jahre zuvor hatte Christoph Schlingensief seine Inszenierung von Parsifal nicht um Ratten gestrickt, sondern rund um den gemeinen Feldhasen, einen angeblich urdeutschen Zentralmythos, der christliche Erlösungssehnsucht verkörpert – oder das genaue Gegenteil davon, so genau wußte das keiner. Das Bühnenbild versammelte den gesamten Sondermüll, der sich auf den Wertstoffhöfen der abendländischen Ideologie angesammelt hatte, damit der nun in Bayreuth seine letzte Ruhestätte finden konnte. Im letzten Jahr stand wieder Abfall im Zentrum einer Inszenierung, dieses Mal ging es entfernt um Tannhäuser und die Wartburg, die als hellrote Biogasanlage vorgestellt wurde, eine Regieanweisung, die Wagner in der Originalpartitur offenbar vergessen hatte. Chor und Sänger traten hauptsächlich in Unterhosen, Fleckerlteppichen und Sadomaso-Stiefeln auf, Ausstattungsdetails, die Wagner ebenfalls übersehen hatte.

Mit keinem anderen Komponisten wird so viel Schindluder getrieben wie mit Wagner

Man kann diese Inszenierungen nun mögen oder verdammen, sie zeigen auf jeden Fall eines: Deutschland und die Welt setzen sich mit Wagner so intensiv auseinander wie mit keine andern Opernkomponisten. Natürlich wird auch mit Mozart und Verdi Schindluder getrieben, aber nie in dem Ausmaß wie mit Wagner. Fast 130 Jahre nach seinem Tod muß Wagner jedes Jahr aufs neue niedergerungen werden, muß bewiesen werden, daß dieser kleine Sachse, der keinen Meter siebzig maß (exakt 1,64 m), ein ganz gefährlicher Kerl war, der bis heute verstört, entnervt und provoziert.

Ein Antisemit, Manipulator auf höchster politischer Ebene, Ehebrecher, Lügner, Betrüger, Schwindler und Bankrotteur.

Der Grund für diese Haßliebe liegt natürlich darin, daß Wagner wahres Genie und veritables Scheusal zugleich war. Beethoven hat getrunken und seinen Neffen Karl geschlagen, Mozart die skatologischen Bäsle-Briefe geschrieben, Verdi war unfreundlich zum Hauspersonal. Aber das sind Peanuts im Vergleich mit Wagner. Keiner von denen war ein flagranter Antisemit, ein Manipulator auf höchster politischer Ebene, ein Ehebrecher, Lügner, Betrüger, Schwindler und Bankrotteur. Wagners zivil- und strafrechtliche Laufbahn stört moderne Regisseure natürlich gar nicht, aber beim Antisemitismus und seinem Nationalismus, da haben sie ihn schwer am Wickel. Und richtig: Wagner war ein schlimmer Antisemit. Mendelssohn und Meybeer haben ihn, als er jung, arm und unbekannt war, mit Geld und Zuspruch gefördert, und von Meyerbeers Monsteropern hat er sich in Rienzi und im Holländer mehr abgeschaut, als ihm später lieb war. Gedankt hat Wagner es beiden mit Schmähungen, als sie längst tot waren.

Hitlers Lieblingskomponist

Seine größten Sünden aber beging Wagner im Dritten Reich. Da war er zwar schon fünfzig Jahre tot, aber in der Villa Wahnfried gingen die Nazis ein und aus, posierten mit des Meisters Nachwuchs und gebärdeten sich als Hüter des Erbes. Zu allem Überfluß war er auch noch Hitlers Lieblingskomponist, der als Zwölfjähriger im Linzer Stehparkett den Lohengrin gesehen hatte, was er leider nie mehr vergaß.

Entrümpeln, entzaubern, entgeistern, entgiften

Das alles verursacht modernen Regisseuren Dauergrausen. Deshalb kennen sie nur einen Marschbefehl: Entrümpeln, entzaubern, entgeistern, entgiften. Wer natürlich mit einer kulturell dermaßen erstklassigen Mission betraut ist, darf selber ruhig zweitklassig sein. Deshalb kann Siegfried im Taucheranzug, Wotan als Zuhälter und Isolde als Stripperin auftreten. In den krausen Köpfen der Regisseure sind die Rheintöchter sind ja schon seit Jahren zu Huren degeneriert. Entmythologisierung ist alles und Kunst gar nichts!

Schöpfer gewaltiger Mythen

Und dabei würde Wagner einem wirklich guten Regisseur viel zum Nachdenken und Gestalten geben. Denn Wagner war nicht nur ein Schurke und ein großer Komponist (das geben alle zu, auch die Regisseure), sondern ein Schöpfer gewaltiger Mythen. Er hat als einer der ersten gespürt, daß Aufklärung und industrielle Revolution den Menschen zwar Menschenrechte, Demokratie und technische Produktivität gegeben, aber dafür etwas Zentrales genommen haben: Gute Götter und die Erklärung der Welt. Mythen erzählen den Anfang und das Ende, Mythen trösten und beruhigen, beheimaten und behausen uns in einer fremden Welt. Rousseau und die Dampfmaschine, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und der automatische Webstuhl habe all das hinweggefegt und den Sinn der Welt gleich mit. Wagner hat das wie kein anderer erkannt und daraufhin im Alleingang versucht, der Welt einen Mythos zurückzugeben. Dazu hat er germanische und nordische Heldensagen, das Nibelungenlied und christliche Mysterien in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt. Aus diesem Hexenkessel ist er dann mit einer gigantischen Wort-Musik-Saga wieder aufgetaucht, die die Menschen seit jeher fasziniert. Von Wagner führt eine direkt Linie zu den Mythenschöpfern des 20. Jahrhunderts, zu John Ford und Sergio Leone, zu Star Wars und dem Herrn der Ringe, zu Trivialmythen wie Super- und Spiderman.

Genies statt Mediokritäten

Und genau da könnte ein Regisseur ansetzen und für uns Wagner ins 21. Jahrhundert holen, ohne ihn auf dem Prokrustesbett einer scheinheiligen Entnazifizierung alljährlich hinzurichten. Und vielleicht wäre es dem hochsubventionerten Bayreuth ja einmal möglich, für unsere Steuergelder ein wirkliches Talent, vielleicht sogar ein Genie, auf jeden Fall aber eine Größe, die Wagners würdig ist,  zu engagieren anstatt der miserablen Mediokritäten, die sich auf dem Grünen Hügel jahraus, jahrein die Klinken in die Hand geben.

 

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